Alexandra Hildebrandt

Die Poesie des Fremden

Neue Einblicke in Adelbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte

Mit einem unveränderten Nachdruck von "A. v. Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte" der Ausgabe: Chamissos Werke, 2. Bd., hg. v. Dr. Hermann Tardel, Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien 1907/1908

1. Auflage 1998, 284 Seiten, zahlreiche Abbildungen

kartoniert, ISBN 3-88074-720-2, 24,50  EUR, 44,60 SFr,

Copy-Print-Ausgabe ohne Einband, ISBN 3-88074-342-8, 16,40  EUR*, 22,30 SFr*, (12,30  EUR**)

Das (Lese-)Buch über Chamissos vielerörterte und hochgerühmte Novelle Peter Schlemihls wundersame Geschichte handelt, wie der doppelsinnige Titel anzeigt, von der Poesie des Fremden � nämlich von der Literatur, die das Andere, Nichtdazugehörende zum Thema hat, aber eben auch den poetischen Qualitäten, die das Fremde auszeichnen.

Im ersten Teil versucht die Verfasserin, die Schlemihl-Dichtung von Ablagerungen der Rezeptionsgeschichte sowie von Verkennungen und Mißverständnissen zu befreien. Damit zeigt sich der bestürzend moderne Charakter des hintergründig-ironischen Werkes, der schon Thomas Mann aufgefallen war. Das ist nicht erstaunlich, denn in ihm verbinden sich literarische Motive und biographisch-historische Bezüge zum Bild einer Existenz, die "sich nicht auszuweisen vermag und mit wundem Ich-Gefühl überall Hohn und Verachtung spürt". Wenn es uns Heutige erreicht, dann doch deshalb, weil es unvermindert Bedeutungen freisetzt, die in diesem eigentümlichen Text beschlossen sind. Die Verfasserin zeigt die thematische und motivliche Komplexität dieser Dichtung auf und macht die literatur- und geistesgeschichtlichen "Engramme", die ihr eingeschrieben sind, kenntlich. Man wird allerdings der poetischen Eigenart und Leistung Chamissos nicht gerecht, wenn man die Schattenlosigkeit, die schon seit langem Gegenstand besonderen Interesses ist, ausschließlich mit der Heimatlosigkeit des zwischen zwei Nationen stehenden Dichters oder einer anderen eindeutigen Bestimmung in Verbindung bringt. Es gehört zu den Kuriositäten der Chamisso-Forschung, so die Verfasserin, daß über den Zusammenhang zwischen Alter, Blindheit und Schattenlosigkeit bis heute in der umfangreichen Literatur, die es zum Peter Schlemihl gibt, noch kaum gesprochen wurde. Ohne die Aussage des Textes � der zudem eine überraschende Verwandtschaft mit Gedanken der modernen Psychologie zeigt � überanstrengen zu wollen, scheint ihr gerade diese Diskussion für sein Verständnis von erheblicher Bedeutung.

Die Lese-Ausgabe im zweiten Teil des Buches beruht auf der Ausgabe von Hermann Tardel, die bis zur Perfahl-Ausgabe (1975) die maßgebliche kritische war. Allgemeine Hinweise für die Kommentierung im ersten Teil vermittelt vor allem die von Dagmar Walach herausgegebene Reclam-Dokumentation (hier dargestellt). Der umfangsreichste Teil der Erläuterungen basiert allerdings auf Arbeiten der Autorin, die vermuten lassen, daß der Melancholieproblematik bei Chamisso zentrale Bedeutung zukommt. Die Entdeckungen, die ihr dabei gelingen, und die dadurch vermittelten Einsichten, werfen ein bezeichnendes Licht auf Chamissos "kleines Meisterstück". Hier wird zum 160. Todestag des Dichters ein Buch vorgelegt, das sich vor allem an den interessierten Laien richtet. Aber es kann auch mit Recht darauf stolz sein, den wissenschaftlich auspruchsvollen Leser nicht zu enttäuschen: Es läßt eine Vielzahl von Quellen selbst sprechen und enthält neben dem ausführlichen Kommentar � den die Leser(innen) benützen mögen, um nach Belieben, nicht nur in den einzelnen Kapiteln der Wundersamen Geschichte, sondern auch im Gesamtwerk des Dichters hin- und herzuspringen � einen voluminösen, bibliographischen Anhang zur "Poesie" des Fremden.

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